Die Seminare heute
In einer Magisterarbeit der Universität Nizza schrieb der Verfasser:
Warum kommen so viele bedeutende deutsche Männer aus Württemberg? Was haben Kepler, Bengel, Mörike, Schelling, Hölderlin, Hesse und andere gemeinsam?
Kaum ein Deutscher, nicht einmal ein Schwabe, weiß heute noch etwas über die einzelnen Erziehungsanstalten der sogenannten "schwäbischen Laufbahn", die sich aus Lateinschule, Klosterschule (Seminar) und Tübinger Stift zusammensetzt. Ein Bildungswesen, das so hervorragende Männer hervorgebracht hat, verdient es, uns bekannt zu sein.
Diese Sätze sind - wie viele andere - geeignet, die Bedeutung der württembergischen Klosterschulen, die seit 1806 Evangelisch- theologische Seminare genannt werden, nicht nur für die Kirchen-, sondern auch für gesamte Geistesgeschichte unseres Landes ins Bewußtsein zu rücken.
Vieles, sehr vieles hat sich seit den Zeiten eines Hölderlin oder gar Kepler geändert, ganz zuletzt die wegen der Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe vorgenommene Beschränkung auf die Seminarorte Maulbronn und Blaubeuren und die fast gleichzeitig erfolgte Öffnung für Mädchen. Da der Lehrbetrieb an den Seminaren seit 1928 der staatlichen Schulverwaltung untersteht und damit in Lehrplan und Stundentafel den anderen öffentlichen Gymnasien des Landes gleichgeordnet ist, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Eigenen und Besonderen dieser schulischen Einrichtung in unserer Zeit.
Nach wie vor erhalten jungen Menschen im Seminar eine in jeder Hinsicht gediegene, geistig aufgeschlossene Ausbildung. Zudem wird in der Lebensgemeinschaft des Seminars auch etwas "gebildet", was kein Zeugnis zensieren und keine Statistik erfassen kann. Dies wird immer wieder von vielen Eltern und ehemaligen Seminaristen bestätigt. Im Seminar von heute gilt es, den Mut zum notwendig Neuen mit dem besonnenen und kritischen Bewahren wertvoller Tradition zu verbinden. Als einziges altsprachliches Internat im Lande bietet das Seminar die einmalige, auch finanziell attraktive Möglichkeit, mit Latein als 1. oder 2. Fremdsprache von Klasse 5 aus noch ein altsprachliches Abitur (mit großem Latinum) zu erreichen.
Die Internatserziehung schult auch in besonderer Weise Kräfte, die in jedem späteren Beruf von Nutzen sind. Der heutige Seminarist muß fähig sein, sich rasch auf wechselnde Verhältnisse einzustellen.
Nach Grundschule und vierjährigem Besuch des Heimatgymnasiums legt er das Landexamen ab, noch immer die Hürde vor einem der begehrten Freiplätze.
Im Seminar Maulbronn lernt er neben Englisch und Latein auch Griechisch, die Sprache Homers, Platons und des neuen Testaments. Denn das Seminar wird nach wie vor als altsprachliches Gymnasium geführt, während in dem angeschlossenen Heim, das von der württ. Landeskirche getragen wird, die Musik im Vordergrund steht - Musik in allen Spielarten, in Bläser-, Streicher- oder Jazz-Gruppen, in der Kantorei ebenso wie an Orgel oder Klavier. Einen Ansporn stellen dabei die vom Seminar alljährlich im Sommer durchgeführten und inzwischen zu internationaler Anerkennung gelangten Maulbronner Klosterkonzerte dar.
All dies ist dazu angetan, den Jugendlichen in vielfältiger Weise in seiner persönlichen Entwicklung zu fördern. Denn die Gemeinschaft ist umso lebendiger, je stärker das einzelne Individuum sich zur Entfaltung bringt und so gleichzeitig die Gestalt des Ganzen mitbestimmt. Anpassertum ist da nicht gefragt; aber auch notorische Einzelgänger haben es nicht ganz leicht, obwohl gerade sie immer wieder einen eigenen Farbtupfer in der bunten Schar widerspruchsvoller Seminaristengeister gebildet haben und bilden. Das bekannteste Beispiel eines solch konfliktreichen Selbstfindungsprozesses ist wohl Hermann Hesse, der in reiferen Jahren seinen Frieden mit dem Seminar gemacht hat, in dem er einst als junger Mensch scheiterte. 22 Jahre danach schrieb er die Verse:
Kreuzgang
Verzaubert in der Jugend grünem Tale
Steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
Und horche, wie in seiner kühlen Schale
Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt
Und alles ist so schön und still geblieben,
Nur ich ward älter, und die Leidenschaft,
Der Seele dunkler Quell in Hass und Lieben
Strömt nimmer in der alten wilden Kraft
Hier ward mein erster Lebenstraum zunichte,
An schlecht verheilter Wunde litt ich lang,
Nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte
Und wird in guter Stunde zum Gesang.
Die Seele. Die nach Ewigkeit begehrte,
Trägt nun Vergänglichkeit als liebe Last
Und ist auf der erspürten Jugendfährte
Noch einmal still und ohne Groll zu Gast.
Nun singet, Wasser, tief in eurer Schale,
Mir ward das Leben längst ein flüchtig Kleid,
Nun tummle, Jugend, dich in meinem Tale
Und labe Dich am Traum der Ewigkeit!
Christliche Wertvorstellungen spielen da eine wichtige Rolle, verstanden als Offenheit, Klärung des eigenen Standpunktes, und sachliche Auseinandersetzung anstelle von statischem Verharren auf einmal erlangten Positionen. Entsprechend kommen in der täglich von Schülern oder Lehrern gehaltenen Andacht die drängenden Fragen des heutigen Menschen in ihrer ganzen Breite zur Sprache. Das Christliche soll im Leben wiedergefunden werden, darf nicht zu einem bloß nach außen formulierten Anspruch erstarren. Ehrlichkeit, Rücksicht, Toleranz und gegenseitige Hilfeleistung im Alltag - das sind oft anstrengende Verhaltensweisen, um deren Verwirklichung täglich zu ringen ist.
Solchermaßen über zwei Jahre ans Seminarleben gewöhnt, in denen Durchsetzungskraft und soziales Verhalten in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen sind, zieht die Promotion geschlossen nach Blaubeuren um, wo die drei Jahre der gymnasialen Oberstufe mit anschließendem Abitur absolviert werden. Ebenso wie in Maulbronn macht es hier die enge Zusammenarbeit mit dem städtischen Gymnasium möglich, daß nicht nur alle Fächer von Fachlehrern unterrichtet werden, sondern darüber hinaus auch noch ein breit gefächertes Programm an Grund- und Leistungskursen angeboten werden kann.
Der Wechsel von der 10. Zur 11. Klasse bringt also für einen Seminaristen einen noch viel größeren Einschnitt mit sich, als dies für den Schüler eines normalen Gymnasiums der Fall ist. Denn zu dem Übergang von der Mittel- zur Oberstufe und dem dadurch sich öffnenden Blick auf das näherrückende Abitur tritt hier der noch viel entscheidendere Wechsel des Ortes und des ganzen Lebensumkreises - in eine ganz anders geartete Landschaft, in andere Schul- und Wohngebäude. Und parallel zu diesem völligen Szenenwechsel vollzieht sich auch ein Austausch sämtlicher Lehrer und Betreuer.
Wie gesagt, das Vermögen, sich auf wechselnde Umstände um- und einzustellen, wird beim Seminaristen schon durch diese institutionelle Seite des Seminars gefördert. Hinzu kommen die Anforderungen, die das enge Zusammenleben mit Gleichaltrigen stellt. Auch hier ist Aktivität, zugleich Durchsetzungsvermögen und Lernbereitschaft, die Entfaltung der individuellen Kräfte und Fähigkeiten gefordert - ganz zu schweigen von dem in die tieferen Bereiche der Persönlich-keit reichenden Einfluß der Atmosphäre, die von den mittelalterlichen Klosterbauten ausgeht
Fast alle ehemaligen Seminaristen stellten später fest, daß sie eigentlich erst im Seminar sinnvoll und effektiv "arbeiten" gelernt haben, nämlich sich ernsthaft in Wissensgebiete zu vertiefen, schwierigen geistigen Problemen zu Leibe zu rücken, "Bretter zu bohren". Dies verdankten sie nicht zuletzt der Tatsache, daß man im Seminar außerhalb der Unterrichtsstunden eben nicht "frei" hat; vielmehr steht in diesen Stunden "AZ" im Stundenplan, d.h. Arbeitszeit, in der wirklich gearbeitet wird, auch wenn kein Lehrer kontrolliert, was der Einzelne arbeitet.
Man kann ohne weiteres davon ausgehen, daß der Seminarist etwa 4 bis 5 mal so viel Zeit für Studienarbeit außerhalb des Unterrichts aufwendet wie ein durchschnittlicher Gymnasiast.
Das Zusammenleben mit Gleichaltrigen kann eine große Hilfe bei der eigenen Richtungsbestimmung und Selbstfindung sein; auch eine, meist unmerkliche, gegenseitige Erziehung in positivem Sinne findet sicher statt. Dies umso mehr, als gerade die Schülerinnen und Schüler unserer Seminare von ihren Elternhäusern her fast alle sehr ähnlich gepolt und strukturiert sind; sie schwingen weit mehr "auf gleicher Wellenlänge" als dies in einem normalen Gymnasium der Fall sein kann. Es ist auch unstreitig, daß es in einer Seminar-Promotion kaum einmal ausgesprochen störende Elemente gibt, die das innere Klima der Gemeinschaft verderben. Und so ist es kein Wunder, daß die Voraussetzungen für die Entstehung lebenslanger Freundschaften besonders günstig sind, wie es anderswo kaum möglich wäre.
Auch die weit größere Nähe der Schüler zu ihren Lehrern, die ja alle mit "im Haus" leben, schafft ein ungleich engeres Vertrauensverhältnis als üblicherweise in einer Tagesschule.
Zweifellos hat so mancher die Jahre in der Klosterschule oder die Seminarzeit mehr durchlitten als durchlebt. Dies dürfte aber nur für eine Minderheit zutreffen. W. Gestrich schrieb einmal dazu: Um der Wahrheit willen darf eine Feststellung nicht unterdrückt werden, die für alle Seminare und ganz gewiß nicht zuletzt für Schöntal gilt: Unter den paar tausend Schülern, die im Verlauf von 165 Jahren dieses Seminar durchlaufen haben, ist die Zahl derer, die diese Jahre ihres Jugendlebens aus ihrem Gedächtnis gestrichen oder verdrängt haben, sicher vergleichsweise sehr gering gegenüber jenen, die an diesen Ort ihr Leben lang fast wie an eine zweite Heimat denken. Es muß ja nicht immer so emphatisch sein wie bei Mörike in Erinnerung an seine Uracher Zeit: "O Tal, du meines Lebens andre Schwelle, du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd". Sicher ist die Erinnerung immer geneigt, Vergangenes zu vergolden, und so auch mitunter zu verfälschen. Aber pures Elend, Mißbehagen und Frustration vergoldet auch sie nicht. Aus diesem Haus zogen viele hinaus, nicht nur mit dem etwas zu viel gerühmten reich gepackten Schulsack - wichtigere Mitgabe war die Fähigkeit zu zuchtvollem Arbeiten und wissenschaftlichem Denken, zu verantwortlichem Leben in der Gemeinschaft, und nicht zuletzt vielleicht auch jenes Samenkorn im Herzen, von dem das Evangelium sagt, daß es im Verborgenen keime und daß um sein Wachsen und Fruchten besorgt zu sein nicht unsere Sache sei.
Bis heute erfüllt so die jahrhundertealte Einrichtung der württembergischen evangelischen Seminare ihre Aufgabe in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft: Pflege antiken Geistesgutes auf der einen und ein am Wort Gottes orientiertes Gemeinschaftsleben auf der anderen Seite. In dieser Treue zu einer gewachsenen und als wertvoll erkannten Tradition versucht das Seminar nach wie vor jungen Menschen eine tragfähige intellektuelle Grundlage und zugleich Orientierungshilfe in eine zunehmend unübersichtlich werdenden Welt zu vermitteln.
Dennoch: Die nie ganz verstummte Diskussion über Sinn und Wert der Seminare wird, ja muß weiter gehen. Aber es gibt bis heute wahrlich nichts, was den Gedanken aufkommen lassen könnte, sie seien entbehrlich geworden und hätten sich überlebt.
Wie bisher werden die Seminare auch in Zukunft immer wieder Veränderungen und Reformen unterworfen sein. Niemand kann heute sagen, wie sie sich weiterentwickeln werden. Aber alle, die je im Seminar leben und arbeiten durften, haben allen Grund, dankbar dafür zu sein, daß es diese Institution gegeben hat und gibt, und daß sie über 450 Jahre alle Turbulenzen und Widrigkeiten der wechselnden Zeitepochen überdauert hat.
Im Augenblick sind wir mitten in der Umsetzung einer Oberstufenreform.
Vivat, crescat, floreat Seminarium!


