Nachkriegsprobleme

Passierschein-Antrag
Passierschein-Antrag für Seminaristen der Promotion 1945 Urach. Die Namen wurden auf dem Oberkirchenrat eingesetzt.

Die ersten Nachkriegsjahre 1945 - 48 waren für die gesamte Bevölkerung eine schwierige Zeit. Daß sich auch für die Seminare mit ihrem Internatsbetrieb zahllose Probleme auftaten, ist leicht einzusehen.
Wie in andern Schulen auch hatten sich die Lehrer dem üblichen Entnazifizierungs-Verfahren zu unterziehen. Lehrmittel und Bibliothek mußten von nazistischem und militaristischem Material gesäubert und gleichzeitig mühsam neue Lehrbücher beschafft werden.
 Die Bewegungsfreiheit der Deutschen war erheblich eingeschränkt. Wollten Uracher Lehrer zu Dienstbesprechungen beim Oberkirchenrat oder bei der Seminarstiftung reisen, mußten sie Passierscheine zum Verlassen der franz. Besatzungszone haben. Gleiches galt für die Seminaristen, wenn sie in den Ferien nach Hause reisen wollten und dabei eine der Zonengrenzen passieren mußten. Passierscheine hatten nur eine Gültigkeitsdauer von 2 bis maximal 4 Wochen.

Die erste Nachkriegspromotion, von der ein großer Teil in den letzten Kriegsjahren als Luftwaffenhelfer eingesetzt und in Gefangenschaft geraten war, hatten in ihrem Kenntnisstand erhebliche Lücken, kein Wunder angesichts des sporadischen Unterrichtes, den sie in den Kriegsjahren genossen hatten. Doch waren sie einsichtig genug, diese Mängel durch Engagement und ernsthafte Arbeit auszubügeln und dank verständnisvoller Lehrer konnte ein beachtlich einheitliches Niveau erreicht werden.

Diese ersten Jahre waren auf vielen Gebieten von ganz erheblichen Mangelerscheinungen gekennzeichnet, vor allem hinsichtlich der Ernährung.
Der erste Uracher Nachkriegs-Ephorus Storz tat alles Menschenmögliche, um dieser Mängel Herr zu werden. Um die bevorstehende Reifeprüfung der unterernährten Seminaristen zu sichern, gelang es ihm, aus Spenden des Lutherian World Relief dringend benötigte Lebensmittel zu beschaffen.
In der Gemeinschaftsverpflegung betrug die offizielle Zuteilung pro Mann und Tag 1100 Kal.
Schüler mit mehr als 10% Untergewicht konnten dann aus der amerikanischen Hoover-Speisung zusätzlich 350 Kalorien täglich erhalten.
In allen 4 Seminaren zogen regelmäßig kleine Trupps mit Handkarren auf die umliegenden Dörfer, um bei den Bauern Kartoffelspenden für die Seminarküche zu erbitten.
Nach der Währungsreform 1948 besserte sich die Ernährungslage dann nachhaltig.