Die "Achtundsechziger"
Mitte der Sechzigerjahre erwuchsen den Seminaren ganz neuartige Probleme. Der Zustrom zum Landexamen und zu den Seminaren war rückläufig, und im interen Betrieb stellten sich zunehmende Schwierigkeiten bei der Internatserziehung ein. Ein verstärkter Freiheitsdrang der nun nach neuem Gesetz teilweise volljährigen Schüler und eine Tendenz, gegenüber den Lehrern eine renitente Haltung einzunehmen und ihre Autorität in Frage zu stellen, brachten eine ungute Atmosphäre in die Oberstufenseminare, zeitweilig sogar in die Unterstufenseminare. Linksorientierte, radikale politische Parolen der revoltierenden Studenten der APO schwappten von den Universitäten auf die Gymnasien über; auch die Seminare blieben davon nicht verschont. Es bildeten sich marxistische, leninistische, auch maoistische und trotzkistische Gruppen und Grüppchen; sie behängten Seminarräume mit agitatorischen Plakaten und beschimpften das Establishment. Es wurde immer schwieriger, die Hitzköpfe von ihren unausgegorenen Revolutions-Ideen weg zu einer vernünftigen Arbeit zu führen, zumal sie sich in maßloser Selbstüberschätzung häufig anmaßten, in die bestehenden Lehrpläne hineinzureden und Forderungen zu stellen, welche Stoffe nach ihren Vorstellungen zu behandeln seien.
Gewiß, es war eine vorübergehende Zeiterscheinung. Aber sie hat den verantwortlichen Lehrern manchmal mehr Kummer und Schwierigkeiten bereitet als die Mangelerscheinungen der ersten Nachkriegszeit!
Auf der anderen Seite gab es da durchaus auch positive Aspekte. Die jungen Leute waren nicht mehr bereit, seit langem konventionell Tradiertes ungeprüft als verbindlich hinzunehmen. Es gab durchaus ernsthafte Ansätze, auch scheinbar Feststehendes sine ira et studio zu hinterfragen, wie z.B. den Sinn des Erlernens der alten Sprachen oder die herkömmliche Form der Andachten. Auch versuchten nicht wenige Schüler, der älteren Generation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die die Hitler-Herrschaft nicht verhindert hatte. Sie wollten nicht pauschal verurteilen, sie wollten es genau wissen, war es Opportunismus, war es blinder Autoritätsglaube, war es eine aus dem Kaiserreich überkommene Sehnsucht, "geführt" zu werden, Autoritäten zu haben, die befehlen und denen man gehorchen kann, oder wie sonst konnte das geschehen? Könnte es wieder geschehen? Schon auf Grund der historischen Nähe war es keine leichte Aufgabe für die Lehrer, darauf befriedigende Antworten zu finden.
Die auch in den Seminaren eingeführte Schülermitverantwortung konnte vieles erledigen, was früher autoritär vom Lehrerkollgeium angeordnet worden war. Gerade im Internat boten sich hier Möglichkeiten eines gedeihlichen Zusammenwirkens von Lehrern und Schülern zum Wohle des Ganzen. Es erforderte allerdings auf beiden Seiten ein Eingehen auf die Argumente des anderen und ein erhebliches Maß an Toleranz.