Musik

Entsprechend der Bedeutung der Musik in der Kirche wurde auch in den Seminaren der Musik-Erziehung ein großer Platz eingeräumt. Nach den Seminarstatuten von 1850 waren fünf Wochenstunden für den Unterricht in Vokal- und Instrumentalmusik angesetzt. Während das Erlernen eines Musikinstrumentes freiwillig war, mußten sich am Singen alle beteiligen. Nur bei Stimmbruch und Schwachheit der Organe konnte eine zeitweilige Befreiung erwirkt werden.
Musikunterricht während der Arbeitszeit wurde vom Ephorus nur denen genehmigt, die in anderen Fächern fleißig waren und sich für das ausgewählte Intsrument begabt zeigten.
Den Unterricht erteilte ein eigens dafür angestellter Musiklehrer, der bis zu 18 Wochenstunden zu halten hatte. Meist ging er - innerhalb oder außerhalb des Seminars - noch einer anderen Beschäftigung nach. Musiklehrer Büxenstein etwa war noch als Speisemeister tätig, ein anderer, Zwissler, erteilte über 30 Jahre lang auch noch den Turnunterricht. Für den Unterricht an den Blasinstrumenten wurde häufig noch ein Musiker aus der Stadt hinzugezogen.
Ziel des Gesangsunterrichtes war die Beherrschung des vierstimmigen Chorgesanges. Zum festen Bestandteil des Programms gehörten die 136 von Frech, Kocher und Silcher gesetzten Choralmelodien, die alle einstudiert wurden. Für die Promotion 1854/58 wurden beispielsweise 250 eingeübte Gesänge genannt. Darunter waren natürlich viele Kirchenlieder.
Ein Lohn für die Mühen war die Teilnahme des Seminarchores Urach am Liederfest in Tübingen am 1.6.1857, wo die Seminaristen auch mit Fr. Silcher zusammentrafen. Dieser Sangeswettstreit war für die Promotion ein großes Ereignis.
Instrumente mußten nach und nach vom Seminar angeschafft werden. Ein privater Kauf war den wenigsten möglich. Wetzel berichtet in seinem Tagebuch (1821), daß vier Seminaristen Klarinette, vier Flöte, drei Horn und zwei Trompete spielten; zwei weitere wollten Baßposaune und Fagott lernen. Er schreibt: Gegenwärtig wird die Musik sehr stark getrieben, wenn es so fort geht, so giebt es bald eine schöne Musik zusammen.
1851 umfaßte das Musikinventar Urach immerhin 44 Instrumente.

zeitgenössisches Dokument

Der Musikbegeisterung der Seminaristen waren durch die Hausordnung Schranken gesetzt. Geübt werden durfte lediglich während der freien Zeit und nur in den Arbeitsstuben und - nach Absprache - im Lehrsaal. Bläser waren noch weiter eingeschränkt.
In seinem Tagebuch berichtet Wetzel 1821 über einen Vorfall, bei dem die Instrumente als Mittel des Protestes eingesetzt wurden. Einige Seminaristen hatten im Gottesdienst gestört, es wurde dann angedroht, daß allen die Rekreationszeit gestrichen würde, wenn sich die Störer nicht meldeten. Die Promotion hielt aber zusammen und nannte keinen Namen. Dem Unmut über die kollektive Strafe wurde in der Mittagszeit Luft gemacht: "Von 12 bis 1 Uhr machten wir jämmerliche Katzenmusik und tobten auf dem Dorment. Später wurde einem Seminaristen besonders vorgeworfen, daß er dabei eine Violine benutzt habe, obwohl er doch gar kein Instrument spiele.
Insgesamt war die Musik zu allen Zeiten eine große Bereicherung des Seminarlebens. Und es gab ja nicht nur Einzelunterricht, es bildeten sich auch Trios, Quartette und es gab das Seminarorchester. Für die Promotion 1854/58 werden z.B. als einstudierte Werke neben kleineren Musikstücken viele Symphonien von Haydn, Mozart und anderen wie auch viele Ouvertüren genannt. Das Orchester konnte sein Können durch die Mitwirkung bei Veranstaltungen im Seminar unter Beweis stellen, es war auch bei Feierlichkeiten in der Stadt ein gern gesehener Gast.

Das Turnen wurde in den Seminaren schon recht früh betrieben, lange bevor es Eingang in die offiziellen Lehrpläne gefunden hatte. Friedr. Ludwig Jahn, der "Turnvater" hatte in Deutschland das Turnwesen populär gemacht; er verband dabei die Körperkultur eng mit politischen Zielen: Preussen sollte von der Vorherrschaft Frankreichs befreit und Deutschland in einen liberalen Nationalstaat vereinigt werden. Die Turnerbewegung und die mit ihr kooperierenden Burschenschaften gerieten später ins politische Abseits, als 1819 der Turner Sand den Schriftsteller Kotzebue ermordete. Turnerschaften und Burschenschaften wurden verboten.

Der schon mehrfach zitierte Uracher Seminarist Wetzel berichtet am 8.5.1821, einige Mitschüler hätten sich entschlossen, eine Turngemeinde zu gründen. An drei Tagen in der Woche fanden die Übungen statt. Die offensichtlich liberalen und wohlwollenden Lehrer deckten diese Aktivitäten, trotz der politischen Brisanz. Repetent Plieninger mahnte zur Zurückhaltung beim Auftreten nach außen und riet davon ab, die Worte Turnen, Turnplatz usw. zu gebrauchen, damit es nicht zu sehr auffalle. Damit die Turnaktivitäten vom Studienrat unbemerkt blieben, wurden sie während der jährlichen Visitation kurzerhand ausgesetzt.
Erst 1845 wurde das Turnen als Bestandteil des Unterrichts an den höheren Schulen eingeführt. Kenntnisse und Engagement der Schüler waren gefragt, mancher der mit dem Turnunterricht beauftragten Lehrer besaß nicht die entsprechenden Fertigkeiten; in diesem Fall mußten begabte Seminaristen als Vorturner die Übungen leiten. In Urach wurde erst beim Umbau 1847 im Nordflügel, im Durchgang zum Speisesaal, ein allerdings sehr kleiner Turnsaal eingerichtet. Über 50 Jahre hat er den turnerischen Aktivitäten der Seminaristen gedient. Erst als die von der Stadt Urach 1914 erbaute große Turnhalle vom Seminar mitbenutzt werden durfte, war das Platzproblem des Turnunterrichtes gelöst. 1855 erbaute die Stadt auch ein Schwimmbecken. Vorher war den Seminaristen nur das Baden in der Erms möglich.