Neuhumanistische Bildungsziele

In den neuen Seminarstatuten von 1818 wurde an dem schon für die Klosterschulen geltenden Prinzip des Humanismus als Grundlage für die Seminarerziehung festgehalten. "Studium der Meisterwerke der alten Claßiker sey daher die Hauptbeschäftigung". Die humanistische Tradition wurde freilich nicht ungebrochen fortgesetzt. Die Statuten forderten, "nicht trockenes Buchstabenwesen und todte Grammatik werde auf Kosten der ächten Geistesbildung getrieben". Sie nahmen damit Kritik am humanistischen Bildungsbetrieb auf und wiesen neuhumanistische Einflüsse auf.
In den Klosterschulen war das so: Da Latein Gelehrtensprache war, wurde der humanistische Unterricht ganz auf dessen Beherrschung ausgerichtet. Grammatik-Drill und Übersetzungen ins Lateinische und Griechische waren wichtige Bestandteile des Unterrichts. Latein war Unterrichtssprache und Umgangssprache unter den Seminaristen. Noch im 18. Jahrhundert drohte den Klosterschülern eine Karzerstrafe, wenn sie deutsch sprachen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den klassischen Schriften geriet dadurch in den Hintergrund. Kritiker warfen diesem Unterricht Phrasenjagd, Sentenzenklauberey, Versmacherey vor, der Schüler koste nur die Schale von den lateinischen Autoren.
Für den Neuhumanismus war zwar die klassische Philologie weiterhin die Grundlage des Unterrichts, jedoch stand die Erfassung von Inhalt und Geist der Klassiker im Vordergrund. Als Vorreiter neuhumanistischer Reformen wirkten seit 1750 Ernesti in Leipzig, sowie Gesner und Heyne in Göttingen. F.A.Wolf begründete eine umfassende klassische Altertumswissenschaft und beeinflußte auch das Schulwesen. Als Bildungsideal des Neuhumanismus galt für ihn eine rein menschliche Bildung und die Erhöhung aller Geistes- und Gemüthskräfte zu einer schönen Harmonie des inneren und äußeren Menschen.
Ihr Menschheitsideal sahen die Neu-Humanisten im antiken Griechenland verwirklicht, in griechischer Kunst und Literatur manifestierte sich für sie der Geist des Humanen. Das Studium der klassischen Werke wurde jetzt Selbstzweck. Ihr zuvor propagierter praktischer Nutzen als Lieferant wissenschaftlicher Erkenntnis und sprachlicher Fertigkeiten wurde verworfen.
Der Neuhumanismus war vor allem auch eine Gegenbewegung zu der vom Nützlichkeitsdenken geprägten Aufklärungspädagogik. Auch ging er auf Distanz zum Absolutismus, da in der einseitigen Erziehung zum gehorsamen Untertan eine Gefährdung der Erziehung zur Humanität gesehen wurde.
Einer der prominentesten Vertreter des Neuhumanismus war Wilhelm v. Humboldt. Er maß der Sprache eine besondere Bedeutung für die Bildung und ging davon aus, daß jede Sprache eine ihr eigene Weltansicht in sich birgt und dadurch dem Menschen die Welt vermittelt. Als geistige Schöpfung des Individuums ermöglicht die Sprache außerdem die verstandesmäßige Bewältigung der Welt. Neben dem als Vorbild geltenden Griechischen gewann somit der Unterricht in der Muttersprache an Bedeutung.
Die schon im 18. Jhd. feststellbaren Ansätze zu Reformen wurden nun im neuhumanistischen Sinne weitergeführt. Das von den Seminarstatuten geforderte Studium der altsprachlichen Klassiker umfaßte 20 der über 30 Wochenstunden. (Im 16. Jhd. hatte allein der Lateinunterricht 20 Wochenstunden in Anspruch genommen). Die Unterrichtsmethoden wurden nun mehr auf das Verständnis der Texte hin ausgerichtet.