Die Seminar-Lehrer

zeitgenössische Abbildung der Amtstracht
Amtstracht des Ephorus und der Professoren im 19. Jahrhundert

In den Seminaren wurde der Unterricht - abgesehen von der Musik - vom Ephorus, zwei Professoren und zwei Repetenten erteilt. Noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jhd. waren sie ausnahmslos Theologen. Sie hatten recht gute fachliche Qualifikationen für die alten Sprachen und Religion. Alle anderen Unterrichtsgegenstände mußten jedoch fachfremd gelehrt werden. Begreiflicherweise hing die Qualität und Effektivität dieses Unterrichts ganz und gar von den über das Studium hinaus gehenden Interessen und Kenntnissen der Lehrer und von ihrem Engagement ab.

Da der Ephorus hauptsächlich mit der Leitung des Seminars zu tun hatte, mußte er vertraglich nur 5 Wochenstunden unterrichten; die Professoren, denen vorzugsweise der altsprachliche Unterricht anvertraut war, hatten 10, die Repetenten bis zu 6 Wochenstunden zu geben. Den letzteren halste man meist den fachfremden Unterricht in Deutsch, Französisch und den Naturwissenschaften auf. Eduard Zeller, 1838-39 Repetent am Seminar schreibt in seinen Erinnerungen: Das Französische würde ich freiwillig nicht übernommen haben, aber man fragte nicht lange und übertrug es mir, nicht weil ich dafür paßte, sondern weil ich das jüngste Mitglied des Lehrerkollegiums war und nehmen mußte, was die andern mir übrig ließen.

Es nimmt daher nicht Wunder, daß gelegentlich auch besonders begabte Seminaristen für den Unterricht in den Realfächern herangezogen wurden, sofern sie sich aus besonderem Interesse mit einem Unterrichtsgebiet intensiv beschäftigt hatten.

Vor Einführung der Aufteilung der Promotionen in 2 Abteilungen, einer Maßnahme, die erst 1908 auf Anregung des Kultministeriums in Kraft trat, also bei einer Schülerzahl von über 40 war der Unterricht keine leichte Aufgabe. So mancher Seminarist war unaufmerksam oder beschäftigte sich mit anderen Dingen. Im Strafbuch liest man da vom Lesen unterrichtsfremder Bücher oder sogar vom Kartenspielen während der Lektionen. Besonders locker scheint die Disziplin in den Musikstunden gewesen zu sein, denn zuweilen ordnete der Ephorus an, daß ein Repetent als zusätzliche Aufsicht anwesend zu sein hatte.
Sicherlich war es nicht jedem der Professoren gegeben, gerade auch den altsprachlichen Unterricht in fesselnder Form zu gestalten; die Gefahr war groß, über grammatikalischem Kleinkram den Inhalt der Klassiker zu kurz kommen zu lassen.
Außerhalb der Unterrichtsstunden waren es vor allem die Repetenten, die die Seminaristen zu betreuen hatten. Sie hatten vor allem Aufsichtsfunktionen wahrzunehmen. Die Zimmer der Repetenten lagen je zwischen zwei der vier Arbeitsstuben. Um die Ruhe während der Arbeitszeit
zu überwachen, wurden die Seitentüren zu den angrenzenden Stuben geöffnet. Auch die Schlafzimmer der Repetenten befanden sich in der Nähe der Seminaristen-Schlafsäle. Ohne besondere Genehmigung durfte kein Repetent die Nacht außerhalb des Seminars zubringen.
Die Repetenten lebten mehr oder weniger mit den Seminaristen; das Essen nahmen sie gemeinsam mit ihnen ein. Auch die Finanzen der Schüler waren ihrer Kontrolle unterworfen, indem sie für jeden einzelnen ein Taschengeld-Konto führten und somit über Ausgaben und Einnahmen unterrichtet waren.
Aus leicht ersichtlichen Gründen kamen nur Unverheiratete als Repetenten in Frage. Meist traten sie die Stelle bald nach dem Studium an, vorzugsweise zwischen dem ersten und zweiten Dienstexamen ; die späteren naturwissenschaftlichen Repetenten hatten in der Regel den Referendar- oder Assessoren-Status. Das jugendliche Alter der Repetenten ermöglichte ihnen meist einen guten Zugang zu den Seminaristen, in der Rolle des "älteren und reiferen Freundes", wie es in den Seminarstatuten beschrieben wird. Zwar war der Umgangston zwischen Repetent und Seminarist einigermaßen locker und leger, den meisten Repetenten fiel es jedoch nicht allzu schwer, die notwendige Autorität zu wahren; viele von ihnen wurden sogar von ihren Schülern sehr geschätzt oder sogar verehrt.
Es erwies sich als sehr vorteilhaft, wenn die Repetenten früher selbst Seminaristen gewesen waren, also tatsächlich "repetierten". Wenn irgend möglich wurden daher ehemalige Seminaristen als Repetenten berufen.  Über lange Zeit fand die Hierarchie innerhalb des Lehrkörpers auch in der Dienstkleidung ihren Ausdruck. Ephorus und Professoren trugen - wie übrigens ihre Kollegen an den Gymnasien - über einer schwarzen Kleidung einen schwarzen Talar mit violettem Samtbesatz und violettem Barett. Der Ephorus trug an Talar und Barett goldene, die Professoren seidene Quasten.
Im Seminarkonvent waren nur der Ephorus und die Professoren stimmberechtigt, sie trafen sich alle 2 Wochen zum "engeren Konvent". Nur sie konnten Strafen verhängen, während die Repetenten lediglich die Vergehen melden konnten.
Im Grunde bestimmten die genannten drei Personen entscheidend das Klima, das an einem Seminar herrschte. Und dieses Klima war noch lange Zeit weit mehr von strenger Zucht als von liberalem und tolerantem Denken geprägt.
Erst gegen das Jahr 1865 "blickte die Neuzeit, wenn auch schüchtern, in das Seminar-Mittelalter hinein", wie Gustav Jäger in seinen Erinnerungen schreibt.