Die Seminare während der NS-Herrschaft
Das "dritte Reich" bescherte den Seminaren ihre vielleicht schwerste Existenzkrise. Christian Mergenthaler, Kultusminister und württembergischer Ministerpräsident, war nicht nur ein williger Vollstrecker der vom Reichs-Erziehungsministerium erlassenen Richtlinien, er ging noch weit darüber hinaus. Er, dem alles Religiöse zutiefst verhaßt war, wurde zum bösen Dämon der Landeskirche und auch der Seminare.
Er führte den Weltanschauungsunterricht ein und verfügte zahllose Neuerungen im Schulwesen, in der Absicht, die Schulen auf stramm nationalsozialistischen Kurs zu bringen und alles christliche Gedankengut daraus zu verbannen. Viele dieser Neuerungen standen verständlicherweise in krassem Gegensatz zu den Intentionen der Seminare, ohne dass die Seminarstiftung dies verhindern konnte.
Mergenthaler nutzte die von Berlin ausgehende Schulreform von Anfang an zur Zurückdrängung der humanistischen Gymnasien in Württemberg.
Geisteswissenschaftler oder gar Theologen waren im NS-Reich nicht gefragt, dafür Techniker,Ingenieure, Biologen, Chemiker. Und mit der Reduzierung der altsprachlichen Gymnasien schwächte man die Heranbildung des theologischen Nachwuchses. Nach Durchführung seiner "Reform" gab es noch ganze drei humanistische Gymnasien im Land.
Die bisher sehr differenzierten Schultypen - Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule, jeweils mit sprachlichem und naturwissenschaftlichem Zug - wurden beseitigt, bald gab es nur noch die 8-klassige "Deutsche Oberschule". Deren einheitlicher Lehrplan orientierte sich einseitig an den Realfächern, mit Überbetonung des Sports, was sich zwangsläufig negativ auf den Sprachenunterricht auswirken mußte. Auch die Seminare mußten diese Umwandlung durch führen; der Hebäisch-Unterricht wurde verboten, Religion verschwand als Unterrichtsfach aus den Lehrplänen und Zeugnisheften.
Die Einführung der Deutschen Oberschule zerstörte auch den altphilologischen Unterbau der Seminarschulen. Diese konnten ja nur Schüler aufnehmen, die nach der Grundschule Latein und Griechisch als Unterrichtsfächer gehabt hatten. Das Landexamen und die Konkursprüfung, eine zusätzlich zur Reifeprüfung veranstaltete Wettbewerbsprüfung für die Aufnahme ins Tübinger Stift, konnten daher nicht mehr im bisherigen Modus abgehalten werden.
Mergenthaler versuchte bald, den religiösen Charakter der Seminare dadurch zu unterlaufen, daß er die Seminarklassen mit Schülern anderer Schularten zu vermischen suchte. Besonders in Maulbronn betrieb er vehement diesen Plan. Er verlegte 2 Klassen der Aufbauschule Nürtingen dorthin und machte sich daran, diese in den Klosterräumen in einem gemischten Klassenverband mit den Seminaristen unterrichten zu lassen.
Die Landeskirche protestierte energisch. Bischof Wurm schrieb an Mergenthaler, an den Reichserziehungsminister Rust und andere zuständige Stellen. Ohne die Zustimmung der Berliner Behörden abzuwarten, beschlagnahmte Mergenthaler Räume des Maulbronner Seminars und installierte dort die kombinierte Aufbau- und Seminarschule Maulbronn.
Als alle Proteste wirkungslos blieben, beschritt die Kirche den Weg der Rechtsklage. Der Kultminister reagierte sofort mit der Anordnung, die staatliche Vertretung im Vorstand der Seminarstiftung niederzulegen. Institutionell war damit der Bruch zwischen Kirche und Staat vollzogen.
Das Heilbronner Landgericht bestätigte durch einstweilige Verfügung am 28.5.1940 das Hausrecht der Kirche in ihren Seminaren und untersagte die Mitbenutzung durch die Aufbauschulen. Mergenthaler rief daraufhin das Stuttgarter Oberlandesgericht an und begann einen Kompetenzstreit. Die Kirche drängte auf eine Entscheidung und wurde erneut in Berlin vorstellig.
Dort wollte man eine weitere Zuspitzung der Lage vermeiden und verweigerte die Zustimmung zu Mergenthalers beabsichtigtem Gesetz. Begründung: Der Führer wolle während des Krieges alles vermeiden, was das Verhältnis zwischen Staat und Kirche weiter verschlechtere. Kultministerium und Landeskirche einigten sich auf einen Kompromiß: Im Januar 41 wurden die gemischten Klassen wieder getrennt, die Aufbauschule behielt jedoch eigene Räume im Kloster Maulbronn.

