Die Beschlagnahme aller vier Seminare 1941

Der Burgfriede war von kurzer Dauer. Mergenthaler holte zum tödlichen Schlag aus.
Völlig überraschend, ohne die Kirchenleitung oder die Seminarstiftung zu informieren, ließ er mit Zustimmung des Reichsstatthalters Murr über eine Verfügung der zuständigen Landräte am 8.Juli 1941 alle 4 Seminare beschlagnahmen.
Als Begründung wurde das Reichsleistungsgesetz von 1939 angeführt, ohne daß ein entsprechender Notstand benannt wurde. Es war ein Akt staatlicher Willkür und eindeutiger Rechtsbeugung. Der nationalsozialistische Staat hatte sein wahres Gesicht gezeigt, das der Religionsfeindlichkeit und der Intoleranz gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppierungen, die nicht in das Konzept der NS-Ideologie paßten.

Wiederum legten Kirchenleitung und Seminarstiftung scharfen Protest gegen diesen Vertragsbruch ein. Aus Zeitungsanzeigen konnte man ersehen, daß im ganzen Reich Schüler für "Heimschulen" in Blaubeuren, Maulbronn, Schöntal und Urach gesucht wurden, vor allem Söhne von Wehrmachtsangehörigen und Kriegsopfern. Von einem Notstand konnte keine Rede sein. In weiteren Annoncen wurden dieses Heimschulen als "Burgen des Führers" beschrieben, die tief in der Idee des Nationalsozialismus verwurzelt seien.
Die seitherigen Seminaristen mußten ihre Seminare verlassen und in andere Schulen des Landes übertreten.
Die Kirche kämpfte weiter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, mit Dienstaufsichts- und Verwaltungsbeschwerden, mit Briefen an höchste Stellen in Berlin - Bischof Wurm schrieb sogar an den "Reichsführer SS" Heinrich Himmler. Alles umsonst. Auch der Versuch, erneut eine Stellungnahme Hitlers herbeizuführen, scheiterte. Die Schreiben blieben zumeist ohne Antwort. Am 17.8.1941 informierte Bischof Wurm in einer Kanzelansprache alle Gemeinden über das der Landeskirche angetane Unrecht.

zeitgenössisches Dokument
Verfügung über die Beschlagnahme des Seminars Urach
zeitgenössisches Dokument
Schreiben des Landesbischof Theophil Wurm an Reichsführer-SS Himmler

Die Proteste erfaßten damals auch weite Kreise des Kirchenvolkes. Die Vertrauensleute früherer Promotionen starteten eine gemeinsame Unterstützungsaktion. Ehemalige Seminaristen, vor allem solche, die im Staatsdienst standen oder sonst im öffentlichen Leben eine Rolle spielten, versuchten durch Äußerungen über ihre hervorragende Ausbildung an Seminaren zu verdeutlichen, daß auch der Staat vom segensreichen Wirken dieser Schulen profitierte. Kirchenbezirkstage protestierten lautstark, Bürger verschiedener Orte sammelten Unterschriften und verlangten die Rückgabe der Seminare.

Briefkopf der Deutschen Heimschule Urach
Briefkopf der Deutschen Heimschule Urach

Als alle Proteste wirkungslos blieben, reichte die Landeskirche am 31.5.42 beim Württ. Verwaltungsgerichtshof eine Rechtsklage ein. Nach dem Muster von Maulbronn bestritten Mergenthaler und Murr (der "Gauleiter der NSDAP") die Zuständigkeit dieser Instanz und fingen erneut einen Kompetenzstreit an. Murr zog schließlich eigenmächtig die Akten an sich und gab sie nicht mehr heraus. So verhinderte er eine Gerichtsentscheidung - ein eindeutiger Bruch des geltenden Rechtes. Aber gegenüber einem Gauleiter der NSDAP waren Gerichte im "dritten Reich" machtlos. Formal wurde die Angelegenheit erst nach dem Zusammenbruch des NS-Reiches beigelegt.

Die vertriebenen Seminaristen wurden als Promotionen weitergeführt. Sie erhielten als Ersatz für die kostenlose Ausbildung, Unterbringung und Verpflegung, ein sog. "Geld-Surrogat" von 450.- RM jährlich. Außerdem kam die Seminarstiftung für Schulgeld und die Kosten des Privatunterrichts in Griechisch auf. Dieser Sprachunterricht durfte auf ministerielle Weisung nur von pensionierten Lehrern oder Theologen erteilt werden, die sich aber zur Genüge fanden.
Im Vertrauen auf eine bessere Zukunft und ohne öffentliches Landexamen stellte die Kirche nach 1941 weitere Seminarpromotionen zusammen, für deren Ausbildung sie aufkam. Die Verbindung unter den Schülern der vertriebenen und zukünftigen Promotionen wurde - mehr oder weniger getarnt - durch Rundbriefe, mehrtägige Ferienkurse, Gruppenunterricht in Griechisch und kirchenmusikalische Arbeitsgemeinschaften gepflegt.
Die "Deutschen Heimschulen" konnte sich nur 2 Jahre lang halten. Nach ihrer Schließung ließ Mergenthaler sofort wieder Aufbauschulen in den Räumen unterbringen.
Gegen Kriegsende wurden die Seminargebäude in Urach durch Bomben beschädigt. Nach der Flucht der Aufbauschule dienten die Gebäude der Deutschen Wehrmacht und ab 1945 der Besatzungsmacht als Lazarett.