Seminaristen unter dem Hakenkreuz

Foto von Seminar-Schar der Hitlerjugend
Die Seminar-Schar der Hitlerjugend (Promotion 1937/40) beim Antreten im Innenhof des Seminars Urach.

Die Seminaristen der Dreißigerjahre waren schon in sehr jungen Jahren unter den Einfluß der nationalistischen Strömungen in Deutschland geraten, die Jugendorganisationen der bündischen Jugend, ja selbst der christlichen Jugend hatten einen stramm nationalen und teilw. sogar militaristischen Touch, dessen Wurzeln noch ins Kaiserreich zurückreichten. Die Eltern waren meist deutsch-national eingestellt; ein Großteil der Lehrer - Reserveoffiziere des ersten Weltkriegs - waren zu einem guten Teil Militaristen und dezidierte Revanchisten, die mit Vorliebe die Heldentaten der deutschen Armee verherrlichten und gegen den Versailler Vertrag vom Leder zogen. Der Acker war gut gedüngt, als Hitler an die Macht kam, die Saat konnte aufgehen.
Die Jugend stand auch sonst in den ersten Jahren des dritten Reiches der Hitlerbewegung sehr positiv gegenüber, wurden in ihr doch Werte und Ideale angesprochen, die junge Menschen begeistern konnten, Volksgemeinschaft, Einsatz des Einzelnen für das Ganze, Aufbruch zu neuen Ufern, Bewältigungs-Euphorie, keiner soll hungern und frieren, Einer für Alle, alle für einen und was derlei hohle Sprüche mehr waren.
Der demokratische Staat Weimarer Prägung war in den Augen vieler ein grauer, glanzloser Staat gewesen, da war doch scheinbar nichts als Parteienhader, Arbeitslosigkeit, Niedergang. Und keine Ideale. Jugend braucht aber Ideale und Vorbilder. Der neue Staat versprach dagegen ein farbiger, lebendiger Staat zu werden, hier wurden sogar viele christliche Wertvorstellungen angesprochen. Was Wunder, daß da auch die Pfarrer-, Lehrer- und Beamtensöhne in den Seminaren von dieser Aufbruchwelle erfasst wurden, auch wenn ihre Eltern und ihre Lehrer offensichtlich der neuen Zeit (noch) skeptisch gegenüberstanden.
Einige Promotionen traten anfangs geschlossen der SA bei, ab 1936 waren sie bereits beim Eintritt einige Jahre in der Hiltlerjugend gewesen. Die örtlichen Verhältnisse brachten es mit sich, daß die Seminaristen eine eigene HJ-Einheit (Schar) bildeten. Sie taten willig ihren HJ-Dienst und beteiligten sich mit Eifer und Hingabe an den Bann-Sportfesten und Groß-Geländespielen. Die Führer-Reden wurden aufmerksam und meist unter begeisterter Zustimmung angehört.
Daß die meisten Seminarlehrer eine reservierte und wenig positive Haltung zum Hitlerstaat einnahmen, konnten ihre Schüler sehr wohl bemerken. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß dies jedoch nicht zu einer Trübung des in allen Seminaren besonders guten und vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Lehrern und Schülern geführt hat.

Es konnte nicht ausbleiben, daß dann im Lauf der Zeit auch die hitlerbegeisterten Seminaristen mitbekommen mußten, daß in diesem Staat Unrecht geschah, wenngleich das ganze Ausmaß dieses Unrechts selbst aufmerksamen Beobachtern verborgen blieb. Den ersten wirklichen Schock in dieser Hinsicht bildete das Judenprogrom 1938, später "Reichskristallnacht" genannt. Es wurde nun sehr schwierig, an der Tatsache vorbeizusehen, daß hier Dinge geschahen, die keinesfalls zu den propagierten Idealen paßten und die einer Kulturnation und eines Rechtsstaates unwürdig waren.

In den Seminaren hatte trotz Hitlerjugend der Antisemitismus nie Fuß fassen können, im Gegenteil, man kann sicher feststellen, daß auf Grund der Erziehung in den Elternhäusern der meisten Seminaristen eher ein gewisser Prosemitismus die Regel war, der seinen Ursprung auch in der häufigen Beschäftigung mit der Bibel hatte. Umso größer war das Erschrecken und die Verständnislosigkeit, als im ganzen Reich die Synagogen niederbrannten und Juden gedemütigt, geschlagen und auch ermordet wurden. Kein Wunder, daß die anfängliche Begeisterung allmählich einer kritischen Verhaltensweise Platz machte, vor allem als mehr und mehr zu Tage trat, daß die NS-Ideologen in krassem Gegensatz zum Christentum standen und scharf antikirchlich agierten. Nahezu ausnahmslos neigten die Seminaristen beim beginnenden Kirchenkampf der bekennenden Kirche zu; die Bewegung "deutsche Christen" hatte nie eine Chance im Seminar. Viele glaubten jedoch lange Zeit, es könne sich irgendwie eine Synthese finden lassen zwischen Christentum und Nationalsozialismus.
Ab 1937 nahm der Druck auf die Seminare immer mehr zu. Die Lehrer wurden auf Tagungen dazu gedrängt, dem NS-Lehrerbund und der NSDAP beizutreten. In Urach setzte das Kultmini-sterium einen Studienassessor als mathematisch-naturwissenschaftlichen Repetenten ein, der nach eigenem Bekunden Atheist war. Er hatte offensichtlich den Auftrag, Lehrer und Schüler zu bespitzeln und Material zu liefern, das gegen das Seminar verwendet werden konnte.
Glücklicherweise handelte es sich bei diesem Repetenten um einen grundanständigen Mann, der schon nach kurzer Zeit vom Seminar sehr angetan war und sich darin wohl fühlte. Er hat dann auch nie etwas Negatives an seine Auftraggeber berichtet.

Als der Krieg begann, führte die neue Situation bei sehr vielen Seminaristen zu einer Schizophrenie des Denkens. Sie wollten unter allen Umständen gute Deutsche, Patrioten sein, sie wollten das von äußeren Feinden bedrohte Vaterland, die Heimat als gute Soldaten verteidigen, sie wollten für Deutschland kämpfen. Für das gute Deutschland! Nicht für Hitler oder den Nationalsozialismus. Und als sie dann überall an den Fronten standen, wehrten sie sich noch immer verzweifelt gegen die Erkenntnis, daß sie ihr Leben für eine ungerechte Sache einsetzten.

Die Seminarpromotionen hatten im Krieg einen außerordentlich hohen Blutzoll zu zahlen. (Bei der Promotion 1937/40 sind beispielsweise von 44 Seminaristen 29 im Krieg gefallen).

Die kirchenfeindliche Politik der Staatsführung brachte gerade die Seminaristen immer öfter in eine Lage, wo sie glaubten, nicht mehr zu allem schweigen zu dürfen, sondern Stellung beziehen zu müssen. Sie wollten gute Deutsche sein, gewiß. Aber sie fühlten sich - und dies vorrangig - auch ihrer Kirche zugehörig und verbunden, dieser Kirche verdankten sie das Seminar, in dem sie leben und lernen durften, diese Kirche war für sie geistige Heimat.

Im Sommer 1940 hielt sich einige Tage lang ein Angehöriger der NS-Ordensburg Sonthofen in Urach auf. Diese Ordensburgen waren ja dafür geschaffen worden, die Partei-Elite der NSDAP heranzubilden und auf ihre Führungsrolle im Staat vorzubereiten.
Der junge Mann sprach an drei Abenden vor den Jungen und Mädchen der Uracher Hitlerjugend über "weltanschauliche Fragen in Gegenwart und Zukunft des dritten Reiches". Was eigentlich gar nicht vorgesehen war - seine Vorträge mündeten jedesmal in eine heftige Diskussion, in der einige mutige und redegewandte Seminaristen seine Ausfälle gegen Religion und Kirche konterten und Gegenargumente zur Sprache brachten, auf die er schließlich keine Antworten mehr wußte. Zwar hatten die Seminaristen die ungeteilte Sympathie der anwesenden jungen Leute auf ihrer Seite, aber sie hatten nun einen Parteimann von der sakrosankten NS-Ordensburg vor der versammelten Uracher HJ in eine Lage gebracht, die er nur als Blamage betrachten konnte.

Zweifellos hat er danach an geeigneter Stelle über die Vorfälle berichtet. Zwei Wochen später erschien eine SS-Musterungskommission in Urach und befahl mehrere Geburtenjahrgänge zur Tauglichkeitsuntersuchung. Es waren genau die Jahrgänge, denen die Seminaristen angehörten.
Man glaubte wohl, bei der Waffen-SS würde man diese Burschen schon "auf Vordermann bringen". Inzwischen hatten sich schon viele von dieser Promotion als Kriegsfreiwillige bei der Wehrmacht gemeldet. Alle übrigen schlossen sich nun ebenfalls an, denn bei der SS wollte keiner Soldat werden. Auf dem Wehrmeldeamt in Reutlingen saß damals ein dem Seminar wohlgesonnener Offizier; dieser meinte zwar, die SS dürfe eigentlich nur Freiwillige zum Wehrdienst einziehen; sollte jedoch jemand einen Einberufungsbefehl der SS bekommen, sei es sicher schwierig, davon los zu kommen. Er versprach deshalb, für den Fall einer Einberufung zur Waffen-SS für eine vordatierte Einberufung zur Wehrmacht zu sorgen.
Mehrere Seminaristen bekamen tatsächlich von der SS den Gestellungsbefehl. Dank dem freundlichen Helfer in Reutlingen waren sie innerhalb weniger Tage Soldaten der Wehrmacht.

Ein anderer Vorfall hätte für 4 Seminaristen leicht gefährlich werden können. Die vier hatten sich zu einem Streichquartett zusammen gefunden und musizierten in der Freizeit zusammen.
Eines Tages heiratete ein örtlicher HJ-Führer, er fragte im Seminar an, ob nicht das Quartett bei der standesamtlichen Trauung im Rathaus spielen könne. Man dachte sich nichts dabei und stimmte zu. Der Hochzeiter bat darum, in HJ-Uniform zu erscheinen.
Erst während der Trau-Zeremonie merkten die Seminaristen, daß sie bei einer "nationalsozialistischen Eheweihe" mitwirkten. Kurze Zeit später kam erneut der Gefolgschaftsführer ins Seminar und forderte das "HJ-Quartett" auf, erneut bei einer NS Eheweihe zu spielen. Nein, sagten die vier, erstens seien sie kein HJ-Quartett sondern ein Seminarquartett, und zweitens widerspreche die Eheweihe grundlegend ihrer christlichen Auffassung von Eheschließung. Der HJ-Führer bat, er befahl und drohte mit Konsequenzen, ohne Erfolg. Nun wurden die vier standhaften Musiker beim Ortsgruppenleiter der NSDAP vorgeladen. Er redete eine Stunde auf sie ein, beschwor sie, bat sie. Kein Mensch verlange doch, daß sie mit der Eheweihe einverstanden seien, sie sollten doch nur stumpfsinnig ihren Haydn spielen. Zum Schluß meinte er, ob sie eigentlich wüßten, was ihnen geschehen würde, wenn er nun die ganze Sache an die Kreisleitung nach Reutlingen berichten würde. Die Seminaristen blieben fest - sie würden dann eben die Konsequenzen tragen.
Der Ortsgruppenleiter war wohl doch irgendwo ein anständiger Mensch; Er hat nicht nach Reutlingen berichtet. Wenige Wochen später trugen die 4 Seminaristen das feldgraue Kleid der Wehrmacht und waren damit außer Reichweite der Partei.