Seminarreform zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Umwandlung der Klosterschulen in Seminare und die vom Neuhumanismus beeinflußte Bildungsreform hatte aus ihnen moderne Bildungseinrichtungen gemacht. Der altsprachliche Unterricht erfuhr eine Neuorientierung und der Unterricht in Deutsch, Französisch und den Realienfächern wurde eingerichtet. Gemessen an ihrer praktischen Bedeutung für das tägliche Leben wurden diese Fächer aber immer noch ungenügend unterrichtet. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden die Forderungen daher immer lauter, ihnen noch breiteren Raum an den höheren Schulen zu geben. In den Seminaren war zwar der Unterricht in den neuen Fächern auf Kosten des altsprachlichen Unterrichts erweitert worden. Aber ein weiterer Ausbau scheiterte an der drohenden Überforderung der Seminaristen. Neben dem für das Gymnasium vorgesehenen Pensum hatten sie auch noch 3 Wochenstunden Hebräisch, eine Stunde Neues Testament und einen sehr intensiven Musikunterricht zu bewältigen. Da dieser zusätzliche Unterricht auf das Theologiestudium und den späteren Beruf vorbereitete, war er für die Seminare unverzichtbar. So brachten die Reformen zu Beginn des 20. Jhd. weniger neue Inhalte als neue Unterrichtsformen und eine Liberalisierung des Seminarlebens.Ein Vergleich der Stundentafeln von 1818 und 1928 zeigt die Verschiebungen zugunsten der modernen Fächer. Musik und Turnen sind dabei nicht berücksichtigt.

1818

1928

Lateín

9-10

6

Griechisch

7

6

Neues Testament

1

1

Häbräisch

3

3

Deutsch

2

3

Französisch

1

 

Englisch

 

3

Geschichte

2

3

Geographie

1

1

Mathematik

3

3

Naturwissenschaften

 

2

Philosophie

1

 

Religion

2

2

Entscheidende Anstöße für eine Seminarreform gab 1907 eine Anregung des Kultministeriums: 1908 wurden die Promotionen nach den Arbeitszimmern geteilt, so daß 2 Abteilungen mit je
20 bis 23 Schülern entstanden. Für die Effizienz des Unterrichts bedeutete dies einen großen Fortschritt. Die Lehrer mußten aber nun auch ungefähr die doppelte Anzahl von Stunden geben, d.h. sie mußten in der Regel jede Unterrichtsstunde zweimal halten, ausgenommen die Stunden, in denen beide Abteilungen gemeinsam im großen Hörsaal versammelt waren.
1911 wurde die Kurzstunde von 45 Minuten eingeführt; nur für die naturwissenschaftlichen Fächer mit Versuchen und für den gemeinsamen Unterricht der ganzen Promotion waren 55 Min. vorgesehen. Die Seminaristen erhielten nun auch mehr freie Zeit und es wurde ein Studiennachmittag eingeführt, an dem sie sich bestimmte Aufgaben aus den Unterrichtsfächern auswählen und sich so den eigenen Neigungen entsprechend in bestimmte Fachgebiete vertiefen konnten.

1928 - Die Ev. Seminarstiftung wird gegründet