Die Anfänge zur Zeit der Reformation
Ich möchte an dieser Stelle Helmut Breymayer (37/41) recht herzlich danken, dass er seine Arbeit "Die württembergischen Klosterschulen und Seminare - eine kurze Darstellung ihrer Geschichte" zur Verfügung gestellt hat, die dieser Seite als Grundlage dient. Aus den Einleitungsworten dieser Arbeit:
Dieser Beitrag soll - ebenso wie die Gedenktafeln im Tordurchgang und bei der alten Seminarglocke - vorrangig an das frühere evangelisch- theologische Seminar erinnern, das die Stadt Urach von 1818 bis 1977 in ihren Mauern beherbergt hat. Ich möchte damit eine Bildungs-Institution wieder ins Bewußtsein rücken, die mit ihrer 450-jährigen Tradition in Vergangenheit und Gegenwart den Charakter unseres Landes in sehr nachhaltiger Weise mitgeprägt hat. Das Uracher Seminar ist nur ein Glied in einer langen Kette. Seine Geschichte ist ohne die Geschichte der Klosterschulen nicht zu verstehen, denn in ihrer inneren Struktur und in ihrer Zielsetzung waren beide eng verbunden; sie verdankten ihre Existenz einem Anliegen der Reformation: Der Bemühung um Gottes Wort.
Staat, Kirche und Bildungswesen fanden 1559 im Herzogtum Württemberg zu einer fruchtbaren Einheit. Bis in unsere Tage sind die noch bestehenden Seminare Maulbronn und Blaubeuren gemeinsame kirchlich-staatliche Einrichtungen.
Von Beginn an waren die Klosterschulen darauf angelegt, die intellektuelle Elite des Landes in ihren Mauern zu sammeln und ihr die Grundlagen für das Studium der Theologie zu vermitteln. Dieses Ziel prägte die Lern- und Lebensnormen in diesen Internatsschulen, immer wieder behutsam angepaßt an die sich wandelnden Anforderungen der Zeit, aber immer in dem ernsthaften Bemühen, die Pflege des humanistischen Geistesgutes und ein am Wort Gottes orientiertes Gemeinschaftsleben zu einer Synthese zu führen.
Der Humanismus, ursprünglich von Italien ausgehend, sah in der klassischen Antike die Verwirklichung der "Humanität", des wahren Menschentums. Martin Luther ging es darum, antike Kultur mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Vor allem Philipp Melanchthon vermochte den Humanismus für die reformatorische Bewegung fruchtbar zu machen.
Das herkömmliche, vorreformatorische Bildungswesen hatte vor allem den Zugang zu den kirchlichen Pfründen vermittelt. Latein lernen - das hieß vor allem, die Anwartschaft auf solche Pfründe zu erwerben.
Luther setzte den Schulen ein anderes Bildungsziel: die Heranbildung von Männern, die fähig sind, ein Gemeinwesen zu leiten, daneben aber auch Diener des Evangeliums zu sein, die in der Lage sind, die Heilige Schrift in den Ursprachen zu lesen, zu verstehen und auszulegen. Das Idealziel des Humanismus, die Heranbildung des homo trilinguis
, der die drei alten Sprachen beherrscht, nämlich Latein, Griechisch und Hebräisch, wurde damit für den künftigen Theologen zum Normalfall gemacht. Luther prägte den Satz: die Sprachen sind die Scheiden, darin das Messer des Geistes steckt
.
Wenn man so will, war es also der Reformator Luther, der die Initialzündung zur Entstehung der Klosterschulen und späteren Seminare in Gang setzte. Und er war es auch, der von Anfang an die Klöster als künftige Bildungsstätten im Auge hatte. Er schreibt: Denn was sind Klöster und Stifte anderes gewesen denn christliche Schulen, darin man lehret Schrift und Zucht nach christlicher Weise und Leute auferzog, zu regieren und zu predigen.

- Martin Luther und Philipp Melanchthon