Der Unterricht in den Klosterschulen bzw. Seminaren
Zweifellos konnten die Klosterschulen den hohen Zielsetzungen von Herzog Christoph und Johannes Brenz in der Anfangszeit nur sehr unvollkommen gerecht werden. Das lag schon daran, daß die von den Mönchsorden übernommenen Äbte und die ersten Präzeptoren eine nur mangelhafte wissen-schaftliche Qualifikation besaßen. Der Tageslauf der Schüler entsprach daher noch weitgehend dem mön-chischen Leben, mit häufigem Psalmensingen und Stundengebeten.
Für diese monastische Lebensweise - als frommer Selbstzweck - bestand jedoch aus prinzipiellen evangelischen Glaubensgründen eigentlich kein Raum mehr. Die lebenslänglichen Gelübde entfielen. Das Kloster war nur noch Durchgangsstation und Vorbereitungsstätte auf das Studium an der Universität.
Zwar gab es nach wie vor zahlreiche gottesdienst-liche Übungen, es nahm aber nun der Unterricht immer breiteren Raum ein. Unterrichtsstoff war in erster Linie die Theologie. Diese sollte den Schülern durch Bibellektüre und - Erklärung nahe gebracht werden, sowie durch gedruckte Lehr- und Handbücher der Glaubenslehre. Als Grundlage für den theologischen Unterricht standen aber die Spra-chen sehr im Vordergrund, nämlich Latein und die Anfangsgründe des Griechischen und Hebräischen. Cicero und Vergil wurden gelesen und dabei die Regeln der Dialektik und Rhetorik geübt.
Die Klosterordnung ließ den Lehrern einigen Spielraum, wie sie die Lernziele erreichen wollten. Auch die Auswahl der Lehrbücher war ihnen in der Regel überlassen. Man muß dabei berücksichtigen, daß es noch nirgends, auch nicht bei den weltlichen Schulen, verbindliche und einheitliche Lehrpläne gab.
Wie sehr der Unterricht schon auf die kirchliche Praxis ausgerichtet war, zeigt die in Maulbronn verwendete Predigtlehre von Valentin Vannius. Sie umfaßt 62 Abendmahlspredigten und nach den Regeln der Dialektik aufgestellte Dispositionen zu Predigten. Die 15- jährigen Schüler hatten also bereits übungsweise Predigten auszuarbeiten.
Bei aller berechtigten Kritik kann die Leistung der Institution Klosterschule gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der Verbindung von Klosterschulen und Herzogl. Stipendium in Tübingen war in Württemberg eine hochqualifizierte Schul- und Universitätsausbildung für einen zahlenmäßig ausreichenden kirchlichen Nachwuchs gesichert. Keine Kirche und kein Land Europas hat dieses Problem damals besser und effektiver gelöst als Württemberg. Die Stärke und Ausstrahlungskraft der württ. Kirche beruhte nicht zuletzt auf ihrem Ausbildungssystem.
In den Klosterschulen gebräuchliche Lehrbücher
Nach wie vor wurde an der Verbindung von Humanismus und Christentum festgehalten. Es wurde größter Wert auf die gründliche Erlernung des Lateinischen gelegt, die Schüler mussten mehrmals in der Woche lange deutsche Texte ins Lateinische übersetzen; auch wurde die Bibellektüre vorwiegend aus der lateinischen Vulgata geübt. Der Gottesdienst und der Katechis-musunterricht wurden lateinisch gehalten, und die Schüler wurden ständig dazu angehalten, untereinander Latein zu sprechen, die Sprache der gelehrten Welt. Nach Möglichkeit sollten sie später auf der Universität Latein ebenso geläufig sprechen wie ihre Muttersprache.
Für die griechische Sprache war das Lehrbuch des Tübinger Professors M. Crusius verbindlich. Der Hebräisch- Unterricht hingegen war in den Anfangsjahren ziemlich klein geschrieben, ein solcher wurde über lange Zeiträume überhaupt nicht erteilt, wohl deshalb, weil es an geeigneten Lehrern fehlte. Erst mit der Klosterordnung von 1582 wurde Hebräisch wieder fester Bestandteil des Lehrplanes.
Bei dem Übergewicht der Glaubenslehre und vor allem des Sprachunterrichts, aber auch angesichts der noch immer vorgeschriebenen Stundengebete blieb verständlicherweise wenig Raum für Realfächer, jedenfalls nicht in der Anfangszeit der Klosterschulen. Erst allmählich wuchs die Einsicht der maßgebenden Gremien der Landeskirche, daß eine möglichst breite Allgemeinbildung dem künftigen Pfarrer wohl anstehe.
Immerhin wurde von Anfang an auch etwas Astronomie und Mathematik gelehrt, wobei man wohl besser „Rechnen“ sagen muß, denn die Unterweisung ging nur wenig über die vier Grundrechen-arten, etwas Bruchrechnen und einfache Dreisatzaufgaben hinaus.
Auch die Anfangsgründe der Geometrie wurden den Schülern beigebracht. Aber niemand nahm an, daß Kenntnisse in der höheren Mathematik dem künftigen Pfarrer nützen könnten.
Dagegen war die Musik von Beginn an Lehrfach; eine ganze Anzahl entsprechender Lehrbücher in den Seminararchiven weist darauf hin. (In späteren Zeiten, in den Seminaren, nahm die Musik sogar den Charakter eines Hauptfaches an; es wurden hauptamtliche Musiklehrer mit Hochschul-Ausbildung angestellt; Klavierspiel wurde Pflichtfach, in den oberen Seminaren auch Orgel. Zusätzlich wurde denen, die es wünschten, Instrumentalunterricht in Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass erteilt).






