"Andacht to go" aus dem Ev. Seminar am 19.05.2020

In dieser Woche hat unsere Pfarrerin Dr. Andrea Morgenstern eine Andacht mit dem Titel „Wüstenzeiten“ vorbereitet:

Andacht to go – Gedanken und Geschichten zum Mitnehmen

19. Mai 2020 – „Wüstenzeiten“

Liebe Schülerinnen und Schüler, endlich: heute hat das Abitur samt Graecuum begonnen. Wer hätte gedacht, dass wir einmal froh sind, dass es geschrieben werden kann, werden darf. Aber immer noch seid Ihr nicht alle hier, immer noch erleben wir eine Zeit der Isolation und des Alleinseins.

40 Tage war Jesus allein in der Wüste. So erzählt es Matthäus 4, 1-11. Ich möchte Euch einladen in der Bibel nachzulesen. An Jesu Geschichte können wir erspüren, was Wüstenzeiten ausmacht:

Verzicht auf Gewohntes und Liebgewonnenes, Versuchungen im Ringen mit sich selbst. Das eigene Leben geht in die Tiefe, wenn die Oberfläche rauh, karg und ungemütlich ist. Die Gespräche mit sich selbst werden zu Gesprächen mit Gott.
Und das Fragen: „Warum bin ich bloß hier“ wird zum Fragen: „Wozu bin ich heute hier?“
Wüstenerfahrungen konfrontieren uns: mit uns selbst, mit unseren Schatten,
mit unerträglicher Hitze (am Tag) und erbärmlicher Kälte (in der Nacht), mit nicht abgemilderten Gegensätzen. Wer wollte da nicht wegrennen, zurück in das bequemere alte Leben. Und das, wir auch brauchen, wiederhaben: Begegnungen, Berührungen, Blicke. Augenblicke, die wie Brot für die Seele sind.

Auch Jesus war versucht. Er hätte sich das alles erschaffen können. Brot aus Steinen.

Virtuelle Welten, News und Fake-News, Bilder übereinander, Spiele ohne Sieg, Nützliches und Hilfreiches und das ganze Netz an Zuschreibungen und Zumutungen: Ein Sog, man könnte sich auch einfach hineinfallen lassen, Tag und Nacht vergessen, mitschwimmen im luftleeren Raum – als gäbe es kein Morgen, als würden wir schon aufgefangen werden, als könnte wir uns ohne Anstrengung wieder fangen, als würden andere uns schon irgendwie irgendwann wieder retten.

Auch Jesus hätte sich fallen lassen können, die Verantwortung abgeben können. Das hat er nicht gemacht. Er hat die Herausforderung für sein Denken und Wollen angenommen, vielleicht sogar – als er freiwillig in die Wüste ging – gesucht.

Wir haben, was wir jetzt erleben, nicht gesucht. Die Herausforderung ist hoch: jede Menge Selbstverantwortung und gleichzeitig übermäßig viel Undurchschaubares, Unbeherrschbares, Unverfügbares. Das alles eng nebeneinander: ist nicht leicht auszuhalten.

Ihr lernt es gerade. Vielleicht ist es die härteste Lektion eurer Schulzeit. Vielleicht fällt sie euch leicht. Benotet wird sie nicht.

Jesus hat mit sich gerungen. Und dann das Herrschen und Beherrschen-wollen abgelehnt. Dem Nicht-über-alles-Bestimmen-Können: zugestimmt. Innerlich stark kam er zurück. Zurück? Oder ganz neu in sein Leben hinein?

Wann das war, wann der Same der eigenen Stärke zu keimen begann, zu wachsen beginnt unter der Oberfläche, in einer unwirtlichen Welt, „war es nun früher oder später, als alles wieder gut wurde?“ (P.Thomèse): wir werden es einander erzählen können, vielleicht einander erzählen wollen.

Viele herzliche Grüße!

Eure Andrea Morgenstern


"Andacht to go" aus dem Ev. Seminar am 12.05.2020

Auch unser Pfarrer Dr. Johannes Schick hat in dieser Woche eine „Andacht to go“ in Textform für alle Semis in Blaubeuren und zuhause vorbereitet:

Andacht to go – Gedanken und Geschichten zum Mitnehmen

12. Mai 2020

Liebe Schülerinnen und Schüler,

ob uns aufgefallen ist, dass es den Segen nicht mehr gab? Also, er war nicht mehr da am Ende der Gottesdienste, die nicht mehr da waren. Wo wir doch vom Segen leben: Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, er erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 

Der Segen ist wie ein Moment des Zögerns, eine Atemwende in allem Tun und Funktionieren. Ein anderer Blick ruht auf uns, wir müssen für einmal nicht selbst zusehen, wie wir das Leben hinkriegen. Das hebräische Wort für Gesicht ist „panē“, das heißt „Wendung, Zuwendung“. Gott wendet seinen Blick zu. Und es ist dann so, wie es Hilde Domin in einem Gedicht formuliert: „Dein Ort ist / wo Augen dich ansehn / Wo sich die Augen treffen / entstehst du … Es gibt dich / weil Augen dich wollen / dich ansehn und sagen / dass es dich gibt.“

Der Herr segne dich und behüte dich. Das heißt, ich lebe in einem guten Blickfeld, das mich schützt. Klar sind wir unsicher, wir wissen oft kaum die nächsten Schritte oder fühlen uns fremd in der Welt, manchmal sogar in der eigenen Haut. Der Segen ruft gute Umgebungen auf: den Raum der Nächsten, wo sich das Leben vertraut und richtig anfühlt; Freunde, mit denen man sich auch über die digitale Ferne zusammenschließt (man behält sich im Auge, gerade, wenn man sich so wenig sieht); selbst in der Einsamkeit kann ich eine gute Umgebung finden: In jedem stillen Gebet schlüpfe ich in Gott hinein wie in eine zweite Haut. Die Welt: Gottes Blickfeld, keine verlassene Gegend.

Und der Segen holt neu, länger Atem: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Leuchtende Augen, kennen wir sie? Wir haben doch schon einmal andere angestrahlt vor Glück, jede, jeder. Und sind angestrahlt worden, immer wieder. Wie war es? Wie ist das Leben in solchen Momenten? Wer leuchtende Augen für andere hat, zeigt nicht nur ein bisschen Zuwendung, sondern ist charmant, großzügig, hat ein besonderes Augenmerk und ist vor allem ganz präsent und nicht irgendwo anderes mit den Gedanken. Es ist keine Kleinigkeit, wenn Gott sein Angesicht leuchten lässt. Vielmehr: Überfluss, etwas Gnädiges, nichts Knickriges.

Wo immer uns mitten im Leben ein Leuchten ist, wo etwas Schönes aufstrahlt, ist es wie Gottes Augenmerk. Sehen wir, wie die Sonne aufgeht und ihre Farben an den Himmel malt? Sehen wir Menschen, die Hingabe zeigen, wenn es Zeit ist? Sehen wir die Signale der Liebe wie Funken im grauen Alltag?

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Ein dritter, längster Atemzug. Wow, merkt ihr etwas? Gott schaut zu uns auf! Ein Akt der Hochschätzung. Zu wem ich aufschaue, den schätze ich überaus, ich hebe die Person hervor, heraus, begehre und bevorzuge sie. Die Gegensätze kennen wir zu gut: den Blick von oben herab (von der herablassenden Bemerkung über die Gesten der Ausgrenzung bis hin zur Hate Speech im Netz); und das Übersehen, wenn Menschen einander die kalte Schulter zeigen, weil sie gar nicht mehr erwarten, etwas Besonderes beieinander zu entdecken. Dagegen das Gesicht, das aufschaut zu mir, hält mich hoch, überschätzt mich sogar auf mein Bestes hin, das vielleicht im Moment gar nicht erkennbar ist, aber schon da war oder wieder da sein wird. Ein guter Freund erinnert mich an meine Ideale; Menschen trösten mich; Vergebung richtet mich auf. Hochschätzung, das ist dann Schalom, Frieden. Wenn Menschen das Beste aneinander und füreinander hochhalten.

Segen ist also wie eine große Atempause. Gott hat uns im Blick. Und wir? Wir könnten wie Spiegel sein, etwas spiegeln vom Ansehen. Wer im Blickfeld Gottes ist, weiß sich orientiert; gewinnt Umsicht, hat Haltepunkte, geht wie mit einem inneren Kompass durch die Welt. Wer das besondere Augenmerk spürt, kommt ins Staunen, freut sich am Besonderen und sieht nicht immer so aus, als wisse er schon alles. Staunen ist Lust am Bejahenswerten. Und: Wer erfährt, dass jemand zu ihm hochschaut, wird vergnügter und muss andere nicht mehr drücken. Wir es der Kabarettist und Theologe Hanns Dieter Hüsch formulierte: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. / Gott nahm in seine Hände meine Zeit, / mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, / mein Triumphieren und Verzagen, / das Elend und die Zärtlichkeit.“

Ob uns auffällt, wie es den Segen gibt? Wir sind Angesehene. Sind wir auch wie Spiegel? Wir könnten erlöster aussehen.

Amen


"Andacht to go" aus dem Ev. Seminar am 05.05.2020

Unser Ephorus Dr. Henning Pleitner hat in dieser Woche für alle Semis zuhause und in Blaubeuren eine „Andacht to go“ in Textform vorbereitet:

Andacht to go – Gedanken und Geschichten zum Mitnehmen

5. Mai 2020 – „Wozu noch anstrengen?“

Sieben Wochen sind es jetzt, fünf mit Homeschooling und zwei Wochen der Osterferien, die das normale Leben nicht stattfindet. Keine Schule, keine Freunde, keine Treffen, immer nur zu Hause und mit der eigenen Familie. Was man sich vor zwei, drei Monaten vielleicht noch gewünscht hat: Endlich mal Zeit haben und Ruhe, das wird jetzt eher zur Pein: Netflix mag man nicht mehr sehen, und auch das große Puzzle verliert seinen Reiz. Auch im Fernunterricht wird es von Woche zu Woche schwieriger. Lernen, nur so für sich und mit sich? Und dann noch die düstere Erwartung, jetzt zu den „Coronajahrgängen“ zu gehören, zu denen, denen womöglich für immer der Makel anhaften wird, Coronajahrgang oder, schlimmer noch, Coronaabiturientin zu sein. Im Gespräch mit einigen von euch gewinnt man den Eindruck, dass ihr erwartet, noch bei eurer Beerdigung, irgendwann in siebzig oder achtzig Jahren wird man sagen: er war einer vom Coronajahrgang.

Lohnt es sich da noch anzustrengen? Kann noch etwas aus euch werden? Könnt ihr noch auf eine Zukunft vertrauen, die plötzlich von „alles grün“ auf „nichts geht mehr“ umgeschaltet hat?

Was wir gerade erleben, zeigt, dass Gelingen oder Misslingen nicht nur an uns liegt. Keiner von euch kann etwas für diese Gesundheitskrise. Und die vermutlich noch viel folgenreichere Klimakrise habt ihr auch nicht ausgelöst. Trotzdem wird sie euer Leben bestimmen. Daran erlebt ihr, dass es nicht nur an euch liegt.

Lohnt es sich dann aber überhaupt noch, sich reinzuhängen? Sich trotz allem alle Mühe zu geben? Auch die nächsten Wochen noch alle Motivation aufzubringen?

Eine schöne Geschichte zeigt mir, weshalb es sich lohnen kann, sich auch bei ungünstigen Umständen und Aussichten anzustrengen. Sie stammt aus den USA und spielt in der Zeit der Raddampfer am Mississippi:

Eine Gruppe von Menschen eilte in der Abenddämmerung durch kaltes und unwirtliches Gelände der Stadt zu, von der der Raddampfer abfahren sollte, um sie wieder in ihre Heimat zu bringen. Es wurde immer später, kälter und dunkler, bis sie schließlich ans Ufer des Mississippi kamen. Zu dieser Menschengruppe gehörte auch ein Junge. – In der Ferne hörten sie alle das Tuten des Schiffes, das in der Stadt vom Pier abge- legt hatte. Sie waren also offenbar zu spät. Jeder überlegte voller Angst: Wie sollen wir jetzt, bei zunehmen- der Dunkelheit überhaupt weiterkommen, wie sollen wir überleben, umringt von Gefahren, von wilden Tieren, räuberischen Horden und sumpfigem Gelände? Schließlich tauchte in der Abenddämmerung aus dem Nebel der Raddampfer auf und zog seine Bahn in voller Fahrt. Die Gruppe der Menschen war in der Nähe eines Stegs, an dem nur kleine Boote festmachen konnten.

Der Raddampfer naht, ist auf gleicher Höhe in voller Fahrt – da hält der Junge seine Hände an den Mund und ruft und ruft. Und dann winkt er mit beiden Händen und mit beiden Armen. Die Menschen in ihrer Ver-zweiflung sagen: „Hör auf! Das ist sinnlos. Du machst uns nur noch verrückter und verzweifelter.“ Aber derJunge ruft und winkt weiter. Da dreht der Dampfer bei, wendet, setzt ein Boot aus und nimmt die Gruppe verängstigter Menschen auf. Sie sind gerettet und fahren zurück in die Heimat. Die Menschen der Gruppe in großer Aufregung fragen den Jungen: „Wie konnte das geschehen?“ Und der Junge antwortete nur mit einem Satz: „Der Kapitän des Schiffes ist mein Vater.“

Darum: Haltet gut aus und bleibt dran!

Henning Pleitner

Die Geschichte – andere haben sie später übernommen – steht ursprünglich in meinem Lieblingspredigtbuch: Klaus Berger, Wie ein Vogel ist das Wort. Wirklichkeit des Menschen und Parteilichkeit des Herzens nach Texten der Bibel. Stuttgart 1987, S. 287


Andacht aus dem Ev. Seminar am 28.04.2020

Unsere Pfarrerin Dr. Andrea Morgenstern spricht über Jahresringe, die Spuren, die die Zeit in uns allen hinterlässt und Psalm 1.


Andacht aus dem Ev. Seminar am 21.04.2020

Unsere Pfarrerin Dr. Andrea Morgenstern spricht über Ostern, den Frühling und Bilder, die erst durch die Dunkelheit zum Leuchten gebracht werden.

Der Blaubeurer Künstler Michael Willfort gestaltete alle eingeblendeten Bilder. https://www.kunst2day.de

 


Andachten zu Karfreitag und Ostern 2020

Für unsere Semis, die zur Zeit zuhause sind, hat unser Ephorus Dr. Henning Pleitner Andachten zu Karfreitag und Ostern aufgenommen, die auf dieser Seite anzusehen sind. Die komplette Playlist der bisherigen Andachten findet sich hier.

Andacht zu Karfreitag

Andacht zu Ostern


Andacht aus dem Ev. Seminar am 31.03.2020

Unser Pfarrer Dr. Johannes Schick stimmt ein Loblied auf seinen „Psalter“ an, den er auf keinen Fall missen möchte.


Andacht aus dem Ev. Seminar am 24.03.2020

Ephorus Dr. Henning Pleitner spricht über Ernest Shackleton, Hiob und Psalm 23.


Feier nach zwölfjährigen Bauarbeiten

Blaubeuren / sp 19.10.2018

Am kommenden Freitag, 26. Oktober, feiert das Evangelische Seminar ab 13 Uhr den Abschluss der zwölfjährigen und fast 14 Millionen Euro teuren Erweiterungs- und Sanierungsarbeiten an Seminar und Klostergebäude. Ephorus Henning Pleitner blickt „froh und dankbar“ auf die vielen Veränderungen zurück. Aufgrund der Investitionen von Kirche und Land habe das Seminar jetzt eine „optimale Ausstattung“, der Seminarbereich „ist klasse geworden“, resümiert er.

Anlass des Umbaus war 2006 die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium im Land. Zunächst war unsicher, wie es dann mit den Seminarschulen in Maulbronn und Blaubeuren weitergehen soll. „Das wichtigste war, dass Land und Landeskirche in einer bewussten Entscheidung Geld für beide Standorte zur Verfügung gestellt haben“, berichtet Pleitner. So konnten beide Schulen ab 2009 ausbauen und die Klassen 9 bis 12 einrichten. Bei fortgesetzter Ausrichtung auf eine humanistische Bildung und gleichbleibender Stipendienförderung wurde die Zahl der Schüler in Blaubeuren von 75 auf 100 erhöht.

Da das im Klosterhof liegende ehemalige Forstamt aufgelöst wurde, konnte dieses Gebäude 2007 vom Seminar übernommen und als Schüler- und Lehrerwohnhaus umgebaut werden. Es folgte die Komplettsanierung des Wohn- und Arbeitsbereichs der Mittelstufe im Klostergebäude und die Renovierung des Neubaus von 1975 für die letzte Klasse, die in Einzelzimmern untergebracht ist.

„Die schwierigste Zeit war, als Speisesaal und Küche umgebaut wurden“, erinnert sich Ephorus Pleitner an rund eineinhalb Jahre während der Renovierungsphase, der mit einigem Aufwand verbunden war: „Damals mussten alle schon fürs Frühstück ihren Kittel anziehen und zum alten Spitel laufen, wo wir die alte Küche und den Speisesaal nutzen konnten.“ Der klösterliche Speisesaal wurde derweil behutsam renoviert und neu ausgestattet – ebenso das Dormitorium, das zusammen mit dem Ephorat das Kloster zu einem „Baudenkmal von nationaler Bedeutung“ macht.  Bei der Ausstattung orientierte man sich am klösterlichen Ideal der Schlichtheit und Nachhaltigkeit. „Das ist sehr ästhetisch“, freut sich Pleitner – ebenso wie eigens gebaute Eichenholzmöbel und die modernen Bäder. Die Unterrichtsräume wurden auf den aktuellen technischen Stand gebracht.

Während der Renovierungsarbeiten zeigten sich gravierende statische Schäden in der mittelalterlichen Dachkonstruktion des Klosters: Holzbalken hatten sich verzogen und abgesenkt, Decken drohten einzustürzen. Ohne massive Eingriffe wären Klosterkirchensaal und Dorment gefährdet gewesen. Eine in die Dächer eingebrachte aufwändige Stahlkonstruktion stabilisiert jetzt die Dächer nachhaltig. Zugleich wurden schadhafte Dachziegel und Mauerwerk ausgetauscht. Dabei verwendete man wenn möglich alte Ziegel aus anderen Klöstern. Für das Dach der Klosterturms fertigte eine Brennerei im Elsass neue Ziegel in alter Handformtechnik einzeln angefertigt. Im Klosterkirchensaal wurden Einbauten der 80er Jahre entfernt und so der schöne schlichte Charakter des Raumes wiederhergestellt. Alle Brandschutzbestimmungen können jetzt für Großveranstaltungen eingehalten werden, berichtet Pleitner.

Ein Nebeneffekt der Sanierung war die gründliche bauhistorische Untersuchung des Klosters, das noch gut erkennbar wesentliche Teile des ersten Klosterbaus enthält. So ist der Speisesaal des Klosters aus dem 15. Jahrhundert auf den Resten des darunter liegenden ersten Klosters erbaut, die zugemauerte Zugangstür dazu ist im Kreuzgang zu sehen. Eine ausführliche Publikation zur Baugeschichte wird Anfang nächsten Jahres erscheinen.

Als „ein richtiges Wunder“ schätzt Pleitner, dass die Umbau- und Sanierungsarbeiten trotz der vielen, unerwarteten Schäden im Kostenrahmen geblieben sind. „Kompliment an die vom Amt für Vermögen und Bau geplanten und begleiteten Baumaßnahmen“, sagt Pleitner. Nicht zuletzt das sei für den Träger des Seminars, die Evangelische Seminarstiftung Stuttgart, ein Grund zum Feiern: „Das Seminar Blaubeuren ist nach zwölfjähriger Renovierung wieder offen für die Zukunft.“

Beständige Veränderungen im Kloster

Sanierungsarbeiten und Veränderungen an und in den Blaubeurer Klostergebäuden wurden in den jetzt 463 Jahren des Bestehens der Internatsschule immer wieder durchgeführt. Nach der Umwandlung des ursprünglichen Benediktinerklosters zur Internatsschule für begabte Landeskinder 1556 öffnete sich die bis dahin ausschließlich humanistische Schule Anfang des 18. Jahrhunderts den Naturwissenschaften.

1817 wurde die Klosterschule in „Evangelisches Seminar“ umbenannt, der evangelische Abt hieß jetzt „Ephorus“, die Seminaristen mussten keine Mönchskutten mehr tragen und die tägliche Weinration wurde gestrichen. Der erste Schulsportplatz Deutschlands wurde am Kloster eingerichtet. Mit der gymnasialen Oberstufenreform 1975 kam ein neues Gebäude hinzu und Mädchen wurden aufgenommen.

Das Blaumännle, 19.10.2018


Das Seminar gewinnt beim 24-Stunden-Kick

Wochenblätter der SÜDWEST PRESSE, Ulm; Das Blaumännle, Nr.26; Freitag, den 29. Juni 2018
Seite Nr.12 Deep-Link-Referenznummer 16990145

Die Bitten des werdenden Vaters erhört

Rund 18 000 Euro Spenden wurden bei der 22. Auflage des 24-Stunden-Kicks in Blaubeuren eingespielt. Deutlich hat heuer mit 149:113 das evangelische Seminar gewonnen.

EVA MENNER

Blaubeuren Sonntags eine halbe Stunde vor dem Schlusspfiff um 12 Uhr geben die Spieler auf dem „Plätzle“ im Blaubeurer Klosterhof noch einmal alles und stürmen aufs Tor, als dauerte der Fußballmarathon nicht schon fast 24 Stunden. „The Final Countdown“ ertönt, dann der Abpfiff, Endstand 149 Tore für das Seminar, 113 für das evangelische Jugendwerk. Am Ende fallen sich die Teams in die Arme, klatschen sich ab und fühlen sich beim Klang von „We are the Champions“ wie die wahren Fußballhelden dieser Tage.

„Wird da noch woanders Fußball gespielt?“, fragt Marc Hermann ganz harmlos. Er ist angesichts seines für den Kick reifen Alters von 54 Jahren mit dem Kampfnamen Methusakick aufgelaufen. Ein Veteran des Kicks ist Albrecht Reuß, der die diesen Marathon mit ins Leben gerufen hat und seitdem noch kein Spiel versäumt hat. Auf der Seite des Seminars lag das Durchschnittsalter niedriger, spielten doch etliche Schüler mit. So auch der 16-jährige Fabian Körner, der sich bei seiner zweiten Kickteilnahme gleich als Torjäger entpuppte, 24 Tore zum Erfolg beitrug und damit das zweitbeste Ergebnis erzielte. „Am Anfang lief es noch nicht so gut, doch in der Nacht dafür umso besser“, meinte er. Torschützenkönig wurde Teamkollege Robert Sauter mit 29 Toren, bester Torschütze beim Jugendwerk war Reik Schlitter mit 20 Toren. Auf der ewigen Torjägerliste hat Christian Sigloch jetzt Albrecht Reuß überholt. Sigloch schoss sein 500. Tor beim Kick.

Seine Teilnahme war etwas unsicher, seine hochschwangere Frau hatte in den nächsten Tagen den Geburtstermin. Aber das Baby hielt sich an die flehentlichen Bitten des werdenden Vaters und kam nicht ausgerechnet während des Kicks zur Welt. Beste Torschützin war Thea Kannenberg (Seminar) mit sechs Toren. Torwartkönig wurde „Wolle“ Vulkan Ucar (Jugendwerk) mit 35 Prämien für je 10 Minuten ohne Gegentor.

Die 24 Stunden haben allerdings auch ihren Tribut gefordert, einige Spieler fielen wegen Muskelfaserrissen oder Bänderrissen aus. Das Rund-um-Service-Team (RUST) massierte müde Spielerbeine, sorgte für Kaffee und warme Brühe, organisierte Frühstück und leistete manchem Spieler moralischen Beistand. Nach dem Abpfiff ging es für die „Paten“ ans Zahlen, sie spendeten den Spieler eine Tor- oder Torwartprämie. Darunter waren Mitschüler, Lehrer, Bekannte, Verwandte und etliche Prominente. Dank der Paten sind etwa 18000 Euro zusammengekommen, mit 1900 Euro war Jonathan Glanz der beste Spendensammler. Die Erlöse kommen seit Beginn Projekten in Argentinien zugute. Unterstützt wurde in den letzten Jahren das Frauenprojekt „Kleine Tropfen mit ganzem Einsatz“ in einem Armenviertel der Stadt Bariloche. Frauen finden dort in einem Haus Zuflucht, für die Kinder gibt es einmal am Tag eine warme Mahlzeit, die Frauen können sich austauschen und erhalten Beratung. Es gibt einen Aufenthaltsraum, sanitäre Anlagen wurden installiert und ein neuer Backofen ermöglicht einen Straßenverkauf und dadurch ein bisschen finanzielle Sicherheit für die Frauen. Damit das Haus besser vor der Kälte und dem starken Wind, der in Patagonien bläst, geschützt wird, soll nun die Fassade verkleidet werden.